Dressursport – Klassik, Hochleistung und Pferdegesundheit: Vereinbar?

Der Pferdesport ganz allgemein und der Dressursport im Speziellen haben in unseren Tagen einen schweren Stand. Immer mehr wird nicht nur von Seiten des Tierschutzes, sondern zunehmend auch in der breiten Bevölkerung in Frage gestellt, wieso das Tier Pferd scheinbar als Sportinstrument herhalten, sich abmühen und leiden müsse. Modernes Spektakel, Überzüchtung, Verlust von Expertenwissen und Diskurse um Lockerung der no-blood-rule und dergleichen bekunden: Diese Kritik kommt nicht zu Unrecht. Sind Dressur-Leistungssport und Gesundheit für die Pferde überhaupt vereinbar?

Die klassische Dressur mit ihren Idealen und Figuren, wie sie in den Reglementen der FEI in den 1920er und 30er Jahren definiert wurden und bis heute Gültigkeit haben, ist das geistige Eigentum der alten Meister der Reiterei Westeuropas. Ursprünglich im Bestreben, leicht zu führende, bewegliche und starke Pferde für den Militärdienst auszubilden, entwickelte sich die klassische Ausbildungslehre in Barock und Aufklärung zu einer Kunst, um Ende des 19. und Anfangs des 20. Jahrhunderts ein Sport zu werden. Die Übungen und Figuren dieser katalogartigen, aufeinander aufbauenden Gymnastik, die die klassische Ausbildungslehre darstellt, führt letztlich bei genügendem Können des Reiters und vorhandenen Voraussetzungen beim Pferd zur Hohen Schule. Diese Gymnastik hat nach wie vor die Heranbildung eines angenehm zu reitenden und leicht zu führenden Pferdes zum Ziel. Darüber hinaus aber ist sie in ihren oben eingeführten Definitionen auch das Resultat jahrhundertealter Auswahl von Übungen und Figuren, die schlecht gebaute und bemuskelte Pferde körperlich und geistig überhaupt befähigen soll, die an sie gestellten Anforderungen bewältigen zu können. Ein Fürstenhof oder eine Armee konnten es sich schlichtweg nicht leisten, einen Grossteil der auszubildenden Pferde wegen Verschleiss zu verlieren. Gleichzeitig standen die geforderten Leistungen der Pferde fest. Es musste sich also eine Reitweise durchsetzen, die Höchstleistung und Schonung, ja Stärkung der Pferde vereint! Folglich bringt das Ideal der reinen klassische Lehre alles mit, um Höchstleistung und Pferdegesundheit zu vereinen.

Das heutige Problem stellt der Faktor Zeit dar. Da nunmehr der einzige Grund, ein Pferd dressurmässig bis zur Höchstleistung auszubilden, der Sport darstellt und dieser kommerziell rentieren muss, ganz zu schweigen von der sehr geldintensiven Beschaffung und Unterhaltung geeigneter Pferde und entsprechender Reitinfrastruktur, bleibt wenig Zeit zur regelrechten Ausbildung. Die Zucht muss erwünschte, früher nur nach langer Arbeit kultivierte Bewegungsabläufe imitieren, die Pferde müssen früher und schneller ausgebildet werden. All das führt zu hohem Verschleiss und Anwendung missbräuchlicher Methoden. 

Will man tatsächlich und nachhaltig etwas verbessern, muss insbesondere bei den Richtern angesetzt werden: Gute Beispiele müssen propagiert, der klassischen, überlieferten Lehre die Treue gehalten und Falsches schlecht bewertet werden! Dies bleibt mittelfristig vermutlich ein Wunschtraum, da vorerst keine der Beteiligten ein Interesse an Veränderung haben. Dabei sollte gerade uns nicht-Spitzenreitern ein grosses Interesse daran liegen: Unser Sport, unsere Leidenschaft, die Rolle des Pferdes als jahrtausendelanger, arbeitswilliger Freund an der Seite des modernen Menschen in unserer Kultur darf nicht untergehen! Fakt ist: Die klassische Dressur ist nicht nur vereinbar mit Höchstleistung, sie ist geradezu ein Leitfaden dazu, wie sie pferdegerecht erreicht werden kann. Unvereinbar mit gesunder Höchstleistung sind Unwissen und Kommerzdruck!

 

Dr. Max Jaquerod